ASSOZIATIVE BRÜCHE DER WIRKLICHKEIT

Die Arbeiten von Tanja Selzer

 

Von Tina Sauerländer

 

Der Spiel-Klassiker Memory offenbart schonungslos die Beschränktheit des menschlichen Verstandes. Nicht einmal für ein paar Minuten lässt sich die Anordnung der wenigen doppelten Bilder oder die genaue Ausführung der Motive einprägen. Wie soll ein Individuum so die tägliche Bilderflut im Fernsehen und Internet bewältigen? Bei der Verarbeitung filtert das Erinnerungsvermögen und lässt andere Versionen der visuellen Informationen entstehen. Details verwandeln sich, verschwimmen oder gehen verloren, sie entfernen sich vom ursprünglich „gesehenen“ Bild. So ähnlich wie das menschliche Gedächtnis funktioniert, arbeitet die Künstlerin Tanja Selzer, die medial vermittelte Fotografien oder Filmstills verändert, in eine andere, malerische Ebene und einen anderen Kontext überträgt. Für den Betrachter bleibt der ursprüngliche Zusammenhang der Bilder verborgen und es eröffnet sich ein mehrdeutiges Assoziationsfeld, das er mit Erinnerungen aus seinem kulturellen Gedächtnis zu füllen versucht.

 

In Tanja Selzers Gemälden verwandelt sich die reale Welt der Vorlagen in einen meist nur bruchstückhaft vorhandenen Raum. Größendimensionen verschieben sich die Szenerien erscheinen wie verwaschen, unklar und rätselhaft. In der Serie Mohn (2011) marschieren Soldaten unter einem pinken Himmel über eine grüne Wiese oder durch schimmernde Opiumfelder. In Horses (2011) erscheinen dynamisch-bewegte, stürmische Pferdemotive unterschiedlichen Ursprungs und in Unconditional Love (2011) warten Prostituierte nachts am Straßenrand auf einen Kunden oder räkeln sich in sexy Dessous auf einem spärlichen Bett. Mit No Tears For The Creatures of The Night (2011) taucht Tanja Selzer wie mit einer Nachtsichtkamera ausgestattet in eine dunkle Welt ein, in der sich in fahlem Licht kämpferische Tiger, wütende Bullen oder Geier, die sich über einen Kadaver hermachen, tummeln. Die Augen eines Hirschs leuchten wohl von Autoscheinwerfern geblendet auf und geheimnisvolle Frauen tragen elegante Masken oder Fuchspelz auf der Schulter. In Cadavre Exquis (2013) eröffnen sich mystische Stätten mit menschlichen Gestalten und Motten, Eulen oder Papageien. Die Trash Tronies (2013) erscheinen als allegorische Charakterporträts eines Leoparden und lädiert wirkenden Frauen mit verbundenen Augen oder in Uniform.

 

Tanja Selzers Szenerien führen in eine unklare Welt außerhalb der bekannten Gesellschaft, mit Bewohnern die anscheinend lieber unter sich bleiben wollen. Der Betrachter fühlt sich oftmals als Voyeur, wenn er die Arbeiten von Tanja Selzer betrachtet. Das betrifft auch die Serie Meet me in the trees (2013), die allerdings mit einem weitaus freundlicheren und helleren Schauplatz aufwartet. In der Natur vergnügen sich kaum bekleidete Frauen und nackte Paare. Erotische Szenen und sinnlich-sexuelle Handlungen spielen sich ab, die unscharf, verwischt und schemenhaft erscheinen. Die Vorlagen stammen aus Internetpornos, aus denen die Künstlern die Momente herausfiltert, in denen in den „Abgründen des menschlichen Daseins im Bruchteil einer Sekunde etwas Schönes, Menschliches zum Ausdruck kommt“. Darum den besonderen Augenblick zu destillieren, geht es auch in der Serie Nice Demons (2015). Tanja Selzer verwendet hier vermehrt selbst inszenierte Fotografien oder Filmmaterial als Vorlage. Die dunklen Welten sind einer klareren und realeren Darstellung gewichen, die aber weiterhin auf einer entkontextualisierten Vorlage beruht, so dass nichts vom Geheimnisvollen verloren geht und sich der Betrachter fragt: Sitzt da noch jemand im brennenden Lamborghini? Wohin schreitet die geisterhafte Frau im weißen Kleid am Strand? Wieso trägt der junge Mann eine weiß-glitzernde Federmaske? Eine Lynch-artige Atmosphäre entsteht, die nun in einer alltäglichen Normalität etwas spürbar werden lässt, das unsichtbar unter der visuellen Oberfläche schlummert. Mit dem Titel der Serie verweist die Tanja Selzer auf den „alltäglichen Dämon, der in jedem von uns steckt“, so die Künstlerin. Er erscheint ironischerweise deshalb schön, weil wir ihn kennen, mit ihm vertraut sind. Es handelt sich um negativ besetzte, unterdrückte Gefühle wie Angst, Schuld oder Scham, die als unterbewusste und somit kaum kontrollierbare Mächte Handlungsmuster prägen.

 

Zum Inneren der menschlichen Psyche gesellt sich in der Serie Soul Mate Crash (seit 2015) die unkontrollierbare äußere Welt hinzu. Soul steht hierbei für die Seele und für das individuelle Menschsein und Mate für die Beziehung zu einem anderen Menschen, und Crash für den Zusammenprall im Sinne einer Koinzidenz von Ereignissen, an denen zwei oder mehrere Menschen Anteil haben. Er beschreibt einen kurzen Augenblick, in dem etwas Besonderes passiert. Mit der Serie Nice Demons beginnt Tanja Selzer, nicht mehr mit vorgefundenem Bildmaterial zu arbeiten, sondern mit selbst inszeniertem. Diese Entwicklung setzt sie bei Soul Mate Crash verstärkt fort. Sie arrangiert das Filmset und gibt ihren Akteuren grobe Handlungsanweisungen, so dass sie den kontrollierbaren Raum verlässt und etwas in Gang setzt, das sich selbst weiter entwickelt. Die konkrete Interaktion ist nicht planbar, sondern hängt vom Verhalten der inszenierten Individuen ab. Bei den zu Soul Mate Crash gehörenden Arbeiten Lake schwimmt eine androgyne Gestalt in einem See und bei Black Jump rennt ein Mann um einen künstlich angelegtes Gewässer. Die Bildwelten erscheinen im Vergleich zu Tears For The Creatures of The Night, Cadavre Exquis oder Trash Tronies unbeschwerter und leichter, bleiben aber mystisch. In Catching the Cheetah agieren leicht bekleidete Akteurinnen in Unterwäsche in einem nicht näher definierten, weißen Raum miteinander oder alleine. Sie erinnern an die erotischen Szenerien von Meet me in the trees. Ihre oft schnellen Bewegungen erscheinen unscharf auf den von der Künstlerin verwendeten Filmstills. Projektionen aus Youtube-Videos, die nach der Eingabe von Suchbegriffen wie „Cheetah“, „Fight“ oder „Running“ ausgewählt wurden, strahlen die Protagonistinnen an. Neben schwarzer Spitzenunterwäsche oder rotem Lack-Leibchen tragen sie eine skurrile Leopardenunterhose und einen dazu passenden Fellmantel, wodurch die ausgelassenen Tanzenden mit dem Animalischen eine Symbiose eingehen, so wie Dionysius, der Gott der festlichen Ekstase, der im antiken Griechenland mit einem Leoparden oder mit dessen Fell dargestellt wurde. Die bereits in früheren Serien angedeutete Verbundenheit von Mensch und Tier intensiviert sich hier und versinnbildlicht natürlich-tierische Instinkte des Menschen. Sie können, wie das unbewusste Innere der Nice Demons, als dunkle, weil kaum erfassbare Seite des Seins verstanden werden. Bei den einzelnen Arbeiten von Soul Mate Crash printet die Künstlerin erstmals die ausgewählten Filmstills nach digitaler Bearbeitung auf verschiedenen Papieren aus, statt sie auf Leinwand zu übertragen. Je nach Motiv werden sie entweder so belassen oder malerisch überarbeitet, so dass sich die Druckertinte wieder auflöst und aquarellartig über die Bildfläche verteilt. Das Ergebnis dieses Prozesses wird ebenfalls gescannt und wieder gedruckt. Durch diese Bearbeitungsschritte gelangt Tanja Selzer zu neuen Bildwirkungen, bei der eine Vielzahl von sich überlagernden Schichten sowie eine unscharfe, schleierartige, sich auflösende Struktur entsteht, die in Arbeiten wie Catching the Cheetah 8 oder Perchte in die Abstraktion hinüber gleitet.

 

Das Bild Crash markiert den Ausgangspunkt der Serie Soul Mate Crash. Es zeigt verschwommen einen roten Sportwagen mit leicht nach oben gedrückter Motorhaube. Der Titel deutet auf ein voran gegangenes Unglück hin, mit dessen Folgen sich die Künstlerin bereits in Burning Lamborghini aus der Serie Nice Demons beschäftigt. Ein Autounfall veranschaulicht sehr drastisch, wie wenig Einfluss ein Individuum auf die äußeren Umstände seines Daseins hat. In Bruchteilen einer Sekunde führen verschiedene Handlungsstränge zusammen und es kommt zu einem besonderen Ereignis. Das Aufspüren und Darstellen solcher schicksalhaften Momente, die sich jeglicher Kontrolle entziehen, gehört zu den Hauptanliegen der Künstlerin. Da auch Teile des psychischen Inneren im Verborgenen bleiben und sich dem bewussten Einfluss entziehen, lässt sich keine lückenlose Kausalkette der tagtäglichen Ereignisse ableiten. Stattdessen überlagern sich abstrahierte Ebenen, wie bei den Schichten der Arbeiten von Soul Mate Crash. Kohärente Narration ist eine Illusion. Die Bruchstücke der Wirklichkeit liegen genauso verdeckt vor uns, wie die Memory-Karten auf dem Tisch. Für einen kurzen, besonderen Moment treten die Bilder ins Licht des Bewusstseins, verschwinden wieder, und geben den Raum für Assoziationen frei.